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Die Amsel ein jagdbares Thier – aus Hugos Jagd-Zeitung von 1880

aus Hugos Jagdzeitung. Dreiundzwanzigster Jahrgang. 1880, Wien

Die Amsel ein jagdbares Thier

Aus Würzburg 31. v. M. wird geschrieben: Vor dem Schöffengericht des Amtsgerichtes Würzburg kam heute folgender Fall zur Verhandlung: Dr. Karl Semper, Professor der Zoologie und der vergleichenden Anatomie an der hiesigen Universität, und dessen Gärtner Joh. Schmitt sind beschuldigt, den Artikel 125 des Polizei-Strafgesetzbuches übertreten zu haben, indem Letzterer Schlingen zum Fangen der Amseln in dem Garten des Ersteren stellte, Ersterer dazu die Anleitung ertheilte und selbst auch solche Vögel schoß. Als Vertheidiger fungirte der Professor des deutschen Privatrechts an der hiesigen Universität, Dr. Richard Schröder. Der Gartennachbar Stumpf, welcher in den umfriedeten Garten des Professors Dr. Semper eingestiegen war und die Schlingen weggenommen hatte (wegen Eigenthums Beschädigung wurde er Hiewegen bestraft), brachte die Sache zur Anzeige. Die Beschuldigten geben das Amselfangen zu, wollen aber dazu berechtigt gewesen sein, da die Amsel nicht zu den Singvögeln gehöre, deren Einfangen und Tödten durch ortspolizeiliche Vorschrift verboten ist. Hofrath Dr. Rindfleisch, Professor der pathologischen Anatomie, war als Experte geladen und gab sein Gutachten dahin ab: Die Amsel sei zu den allerschädlichsten Thieren zu rechnen. Sie sei kein jagdbares Thier, bei dem eine Hegzeit, wie bei Rebhühnern, Fasanen und anderem Wilde, vorgeschrieben ist. Die Amsel gehöre aber auch nicht zu den Singvögeln, welche das Polizeigesetz meine; sie sei durch Begattung mit anderen Vögeln entartet und sei ein fleischfressendes Thier geworden. Seit 40 Jahren sei sie bei uns einheimisch. Namentlich liebe es die Amsel, die Jungen der Singvögel aus den Nestern aufzufressen. Wo Amseln sich einnisten, verschwänden alle Nachtigallen, wie dies in Thüringen der Fall sei. Die Amsel überwintere jetzt auch bei uns. Er finde das Wegfangen der Amseln nicht nur nicht strafbar, sondern sogar lobenswerth und verdienstlich. Amtsanwalt Brannwart beantragte für die beiden Beschuldigten je 50 Mark Geldstrafe. Der Vertheidiger plaidirte, gestützt auf das Gutachten des Sachverständigen, auf Freisprechung. Das Schöffengericht schloß sich der Ansicht des Vertheidigers an und erkannte auf Freisprechung.

[NB: bis zum Reichsjagdgesetz 1934 wurde die Amsel, wie auch die Wacholderdrossel (Krammetsvogel) als schmackhafter Vogel geschossen und gegessen]

 

Um der Amsel etwas zu rehabilitieren hat unser geschätzer Ausbildungsleiter Hubert Kraußer eine Stellungnahme dazu verfasst:

 

Die Amsel – die teilweise Rehabilitierung einer Verurteilten

Von Hubert Kraußer – Ausbildungsleiter JBH und Lehrer für Biologie, also privat und beruflich ein Klugscheißer (letzteres durch Eure Steuern finanziert, vielen Dank dafür)

Systematik

Ordnung:  Sperlingsvögel
Unterordnung: Singvögel
Familie: Drosseln
Gattung:  Echte Drosseln
Art: Amsel (Turdus merula)

Aus der Systematik lässt sich zweifelsfrei feststellen, dass Amseln Singvögel sind. Diese Einordnung erfolgte im Jahre 1748 durch Linnaeus, ist also erheblich vor dem Jahre 1880 erfolgt und sollte somit bekannt gewesen sein.

Ursprünglich ein scheuer Waldbewohner, entwickelte sich zumindest ein Teil der Amselpopulation im Laufe der Generationen zum Kulturfolger. Vom Innenbereich feuchter und dunkler Wälder aus begann bereits vor etwa 150 bis 200 Jahren der Siegeszug der Amsel bis in die Städte des Menschen. (Erstnachweis in Bamberg: 1820; in London erst in den 1930ern). Begünstigt wurde diese Entwicklung durch das Mikroklima der Städte. Künstliche Beleuchtung und ganzjährige Nahrungsverfügbarkeit führten zu einer Verlängerung der Brutperiode und damit zu einem Anwachsen der Population.

In milden Gegenden, und dazu zählen dann auch die Siedlungen des Menschen in Mitteleuropa, haben die Amseln zumeist ihr Zugverhalten abgelegt und bleiben ganzjährig. Lediglich eine Verschiebung der Aufenthaltshäufigkeiten, hin zu Kleinräumen mit höherem Nahrungsangebot, ist zu beobachten. Nordische Populationen zeigen noch das ursprüngliche Zugverhalten.

Die Amsel ist ein omnivores Tier, also ein Allesfresser. Zum Beginn der Brutzeit ernähren sich die Amseln fast ausschließlich tierisch, wobei alle Arten von Insekten, deren Larven, Würmern, Schnecken, Spinnen und auch kleiner Wirbeltiere wie Mäuse und Eidechsen gewählt werden. Ab etwa Mitte Mai steigt mit der Verfügbarkeit der Anteil von Beeren und Früchten in der Nahrung. Dabei sind Amseln nicht sehr wählerisch, außer den klebrigen Beeren der Misteln wird jede Art von Früchten genommen. Im Herbst kommt es deshalb vor allem in Obstplantagen und Weinbergen zu regelrechten Massenansammlungen von Amseln. Im Winter dienen die Früchte des Efeus und auch das Angebot der Winterfütterungen in unseren Siedlungen als Hauptnahrungsquelle.

Tatsächlich belegt sind Beobachtungen von für Drosseln eher ungewöhnlichen Ernährungsgewohnheiten. So nehmen Amseln Aas, plündern auch Nester anderer Singvogelarten und verschmähen auch aus dem Nest gefallene Jungen von z. B. den Sperlingen nicht. Sogar über Kannibalismus und Koprophagie (Kotfressen) wird berichtet.

(Burkhard Stephan: Die Amsel. 2. Auflage, Neue Brehm Bücherei, Hohenwarsleben 1999ISBN 3-89432-455-4)

Deswegen die Amsel als Ursache für einen Rückgang bei anderen Vogelarten verantwortlich zu machen ist allerdings mehr als abwegig. Vor allem das Aasfressen wurde (und wird) aber bis heute auch dem Wespenbussard zum Verhängnis, wobei letzterer und womöglich auch die Amsel eher auf die sich im Aas tummelnden Fliegenlarven scharf sein sollte. Genau wie der Wespenbussard wird die Amsel körperlich nicht dazu in der Lage sein, Rebhühner und Junghasen zu schlagen und zu verzehren.
Womöglich sind es auch die Larven der Stubenfliege, welche die Amsel zum Kot locken, so dass es für den Laien so scheint, als würde die Amsel den Kot von z. B. Rindern verzehren. Letzteres ist allerdings nur eine unbelegte Überlegung des Autors.

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